Bleiben wir noch etwas bei Ihrer Begeisterung für die Chemie und machen wir gleichzeitig einen Sprung in eine andere Welt: Sie sind von der traditionellen tibetischen Volkskunst fasziniert. Wie gelingt Ihnen der Brückenschlag zwischen den beiden Bereichen Chemie und Kunst?
Es ist wichtig zu sehen, dass es in allen Bereichen des Lebens Bezüge zur analytischen Chemie gibt. Eine von ganz vielen möglichen Anwendungen der analytischen Chemie kann nun auch die Pigmentanalyse von tibetischen Kunstwerken sein. Das chemische Experiment ist vielleicht meine ganz persönliche Weise, mich mit diesen wundervollen tibetischen Schriftrollen zu beschäftigen und sie zu verstehen. Es gibt zwischen den Bereichen Chemie und Kunst also sicher Bezüge. Ich glaube jedoch, dass es ebenso wichtig ist, ihre Unterschiede zu sehen. Denn es ist die Breite der Erlebnisfähigkeit, die für uns Menschen so wichtig ist. Das ist wie mit dem Essen und Geniessen. Jeden Tag eine St. Galler Olmabratwurst zum Mittagessen ist stinklangweilig, auch wenn sie noch so gut schmeckt!
In ihrer Jugend haben Sie Cello gespielt und sogar komponiert. Wie würden Sie den Zusammenhang zwischen Chemie und Musik charakterisieren – wenn es Ihrer Meinung nach denn überhaupt einen solchen Zusammenhang gibt?
Ein berühmter Philosoph hat einmal gesagt, wenn man nur Chemie versteht, versteht man auch diese nicht. Um komplexe Zusammenhänge in einem bestimmten Bereich zu verstehen, braucht man einen weiten Horizont. Die Musik ist ein wunderbares Instrument, um den Menschen zu öffnen. Ich bin der Ansicht, dass die Breite der Interessen sehr wichtig ist, damit man in einem spezifischen Bereich sehr tief in die Grundlagen vorstossen kann. Nur wenn man im Breiten verankert ist, kann man in die Tiefe gehen und umgekehrt. In gewisser Hinsicht ist Musik jedoch nichts anderes als Spektroskopie. Musik ist akustische Spektroskopie und das, was ich in der analytischen und physikalischen Chemie gemacht habe, war auch Spektroskopie. Das hört sich für sie jetzt vielleicht seltsam an, aber wenn man es genau betrachtet, dann hängen analytische und musikalische Spektroskopie mathematisch zusammen. Sie sehen, es gibt also viele Gemeinsamkeiten zwischen Chemie und Musik. Wie ich jedoch schon betont habe, finde ich eigentlich interessanter, wie sich die beiden Bereiche in ihrer Verschiedenheit ergänzen können.
Was ist für Sie persönlich wichtiger: Kreativität und Phantasie oder Wissen?
Kreativität ist das, was den Menschen ausmacht. Ich würde sogar sagen, ohne Kreativität sind wir Menschen tot. Phantasie ist ohne Zweifel in gewisser Hinsicht wichtiger als Wissen. Ein kreativer Mensch wird jedoch bald auf Wissenslücken stossen, wenn er seiner Phantasie freien Lauf lässt. Stösst man in der konkreten Ausführung seiner Phantasien an gewisse Grenzen, wird man sehr motiviert sein, sich neues Wissen anzueignen, damit man wieder weiter kommt. Es ist daher zentral, dass wir uns dann weiterbilden, wenn wir einen Sinn für unsere praktische Tätigkeit darin sehen.
Herr Professor Richard R. Ernst, was meinen Sie, wie stark sind quantitativ messbare wissenschaftliche Erfolge von der Persönlichkeit des Forschers geprägt?
Ich glaube, die Forschung ist etwas sehr Persönliches. Denn die Inspiration und die Kreativität des einzelnen Forschers sind von zentraler Bedeutung für die Ergebnisse. Hier sehen Sie den Unterschied zwischen einem Forscher auf höchster Ebene und Ihren ebenso hoch stehenden Geräten, die sie in der Firma BUCHI herstellen und entwickeln. Ihre Geräte können so programmiert werden, dass sie mit einzigartiger, unendlich wiederholbarer Präzision arbeiten. Ich glaube nicht, dass man die Menschen so genau programmieren kann und dass daher die einzigartige Persönlichkeit eines Forschers auch immer wieder für Überraschungen in den Ergebnissen sorgt.
Nach Ihrer Promotion arbeiteten Sie im Zusammenhang mit der Entwicklung der industriellen Kernresonanz-Spektroskopie bei der Firma Varian Associates in Kalifornien. Warum sind Sie damals in die USA gegangen?
Nach meinem Abschluss an der ETH war ich völlig demotiviert und deprimiert. Ich hatte genug von der Hochschule und wollte raus in die industrielle Welt und etwas Praktisches und Sinnvolles im „richtigen“ Leben machen. Das war der Grund für meinen „Ausbruch aus dem Elfenbeinturm“ in die industrielle Welt. In den USA verlebte ich fünf sehr interessante Jahre bis zu meiner Rückkehr an die ETH 1968. Die Zeit nach meiner Ankunft in der Schweiz war für mich und meine Familie jedoch ein riesiger Schock. Denn ich habe zwei Dinge gemacht, die man meiner Ansicht nach nie machen sollte. Aber man macht halt Fehler im Leben! Erstens bin ich in dasselbe Labor zurückgekehrt, indem ich doktoriert hatte und zweitens bin ich zu allem Unglück auch noch in das alte Backsteinhaus zu meiner Mutter gezogen. Das konnte nicht gut gehen! Nach etwa neun oder zehn Monaten hatte ich einen Nervenzusammenbruch. Ich war völlig am Ende und konnte nicht mehr arbeiten. In ganz kleinen Schritten habe ich mich schliesslich wieder heraufgearbeitet. Das war wirklich ein Wunder. Zusammen mit meiner Familie habe ich es irgendwie geschafft. Nach dieser schwierigen Zeit folgte jedoch eine sehr arbeitsintensive und ergiebige Phase für mich an der ETH, die schlussendlich dann 1991 zum Nobelpreis führte.
Inwiefern könnte man sagen, dass Hochschuldozenten für die Gestaltung der globalen Zukunft verantwortlich sind?
Hochschuldozenten bilden junge Menschen aus. Daraus werden Menschen, die später in Positionen mit grosser Verantwortung arbeiten – zum Beispiel bei der Firma BUCHI. Das oberste Ziel der Hochschulbildung sollte daher die Ausbildung der Studenten und Studentinnen zu verantwortungsbewussten Menschen sein. In diesem Sinne gestalten wir Hochschuldozenten, über unsere Studierenden, unsere Zukunft.
Im Jahr 2005 war der Dalailama bei Ihnen an der ETH zu Gast. In seiner Rede erläuterte er die Gründe, weshalb aus buddhistischer Sicht Furcht und Angst entstehen. Nämlich aus einer falschen Deutung der Realität. Wissen, sagte er, könne zu Freiheit und Glück führen. Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen Wissen, Freiheit und Glück?
(lange Pause) Ich würde vielleicht das Wort „Wissen“ lieber durch „Erfahrung“ ersetzen. Denn ich glaube, es geht mehr darum, dass man die Zusammenhänge in unserer Welt erkennen kann. Wenn man diese Zusammenhänge erfasst hat, dann stellt sich meiner Ansicht nach eine Art Freiheit ein. Diese Freiheit könnte man vielleicht mit dem Gefühl vergleichen, das man in einem Flugzeug hat, wenn man hoch über der Erde fliegt und aus dieser Adlerperspektive verstehen kann, was unten passiert. Man gewinnt ein Stück Unabhängigkeit und dadurch kommt man dem Glück vielleicht etwas näher. Ich muss jedoch sagen, dass für mich der Begriff der Verantwortung zentraler ist, als der Begriff der Freiheit. Denn ich denke, dass es schlussendlich das verantwortliche Tun gegenüber den Mitmenschen ist, das zu einem glücklichen Leben führt. Ich bin überzeugt, der Dalailama wäre mit dieser Ansicht einverstanden.
Was brachte Sie auf dem Weg zum Nobelpreis weiter: Glück oder Pech?
(Lacht) Ich glaube es braucht beides, denn das, was mich zum Nobelpreis geführt hat, ist die Spannung zwischen Versagen und Gewinnen. Was jedoch ganz entscheidend ist und zwar egal welches Ziel man erreichen will, ist die Beharrlichkeit, weiter zu machen, auch wenn man Pech gehabt hat. Ich bin halt ein „sturer“ Kerl und gebe mich nicht so schnell geschlagen! Dieser starke Wille, Schwierigkeiten zu überwinden, ist sicher wichtig um einen solchen Preis zu gewinnen.
Können Sie sich noch an den Moment erinnern, als Sie die Mitteilung erhalten haben, dass Sie den Nobelpreis erhalten werden?
Ja natürlich, daran erinnere ich mich als ob es gestern gewesen wäre. Ich war im Flugzeug auf einem Flug von Moskau nach New York. Über den Wolken von Schottland, kam der Kapitän zu mir und fragte: „Are you Mr. Richard R. Ernst?“ Und ich habe ihm geantwortet: „Ja, aber bitte lassen Sie mich doch in Ruhe, ich möchte etwas schlafen“. Da meinte er, es wäre jetzt wohl nicht die richtige Zeit, um zu schlafen, denn ich hätte soeben einen Preis gewonnen – und zwar den Nobelpreis! Sie können sich vorstellen, dass ich von einer Sekunde auf die andere hell wach war! Der Jubel war riesig! Es waren wirklich wundervolle Momente in diesem Flug von Moskau nach New York. Aber ich muss Ihnen sagen, es waren – bei all der grossen Freude – auch keine leichten Momente. Denn ich hätte den Preis gerne mit zwei anderen Forschern geteilt. Aber da war neben mir niemand anders, ich hatte den Preis tatsächlich alleine gewonnen und das war für mich, in diesen ersten Stunden und Minuten meines Erfolges nicht einfach.
Am 18. Juni 2010 haben Sie erneut eine weltbekannte Persönlichkeit zu Gast. Ihre Stiftung „Richard R. Ernst Lecture“ wird Herr Kofi Annan die Goldmedaille überreichen. Was ist der Hintergrund dieser Überreichung und in welcher Beziehung stehen Sie zu Kofi Annan?
Diese Lecture wurde 2009 zum ersten Mal organisiert. Die Idee war, dass Spitzenwissenschaftler für ganz spezifische Leistungen an der ETH geehrt werden sollten. Ich fand dann aber, dass grösseres Gewicht auf den allgemeinen Bezug zur Gesellschaft gewahrt werden sollte. Nun, Kofi Annan erfüllt als ehemaliger Repräsentant der UNO in der weltweiten Öffentlichkeit eine ausserordentlich wichtige Funktion. Ich glaube, dass wir die heutigen weltweiten Probleme nicht lösen können, ohne dass wir starke internationale Organisationen wie die UNO haben.
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