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"Erotisches Kochen mit dem Rotationsverdampfer“ – Martin Suter wird in die Geheimnisse der Rotationsverdampfung eingeführt


Im Rotationsverdampfer dreht sich eine rote Flüssigkeit. Drei Männer stecken die Köpfe zusammen, die Augen konzentriert auf das Gerät gerichtet – einer davon ist Martin Suter, der Schweizer Bestsellerautor. Experimentiert wird für einmal jedoch nicht mit Worten. Die drei Männer im Anzug diskutieren vielmehr darüber, wie man es schafft, dass das Wasserbad konstant auf einer Temperatur von 1°C gehalten werden kann oder wie man beim Schnapsbrennen den Vorlauf am besten weg bringt. „Ah ja, sehr gut! Jetzt habe ich nur noch ein Problem, wie erreiche ich eine höhere Kühlleistung? Bei uns zu Hause haben wir im Brunnen eine Wassertemperatur von 21°C!“ Christian Zwicky und Matthias Schacht finden für alles eine Lösung und Martin Suter scheint sehr zufrieden zu sein, denn die Rotationsverdampfung verschafft tatsächlich „rasche Wirkungen“! Maravan, der tamilische Kochkünstler würde staunen und Andrea, seine gewiefte Geschäftspartnerin, wäre begeistert – und Herr Suter? Der probiert verschmitzt von der Blutorangenessenz, die im Labor der Firma BUCHI zubereitet wurde. Lesen Sie mehr über das Spiel mit Identitäten, warum ein Rotationsverdampfer unverzichtbar wurde und fragen Sie sich selbst: Beatles oder Rolling Stones?

Herr Suter, es freut mich sehr, dass wir Sie als Gast bei BUCHI Labortechnik AG in Flawil begrüssen dürfen. Ich freue mich auf das Gespräch mit Ihnen.

Vielen Dank, ich freue mich auch.

Im Zentrum Ihres neuen Buches „Der Koch“ steht die Molekularküche. Maravan, der Titelheld, ist kein normaler Koch, er ist vielmehr eine Art Zauberer und in seiner Küche sieht es aus wie in einem Labor. Wie sieht es in Ihrer Küche aus?

(Lacht) In unserer Küche sieht es etwa so aus wie in jeder anderen Küche eines Haushaltes. Aber in Ibiza, wo ich mit meiner Familie lebe, habe ich eine Bodega. Wir stellen dort Olivenöl und Wein her und wir brennen Schnäpse. In dieser Bodega sieht es schon eher wie in einem Labor aus, denn ich experimentiere dort sehr gerne mit Destillationsgeräten.

In Guatemala, wo wir auch ein Haus haben, haben wir für den Eigengebrauch Kaffee angebaut. Im Jahr ernten wir etwa zwei Zentner. Weil ich nur koffeinfreien Kaffee trinke, habe ich herausgefunden, wie man den Kaffee entkoffeiniert. Um einen Halbjahresvorrat zu entkoffeinieren, dauert es etwa vier Tage. In dieser Zeit wird unsere Küche in Guatemala kurzerhand zu einem Labor.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen tamilischen Koch, der mit seinen erotischen Menüs die Leute zu unglaublichen Dingen verführt, ins Zentrum Ihres Buches zu stellen?

So unglaublich sind diese Dinge gar nicht. Wenn ich nach einem Romanthema suche, dann stelle ich mir immer die Frage, „was wäre wenn...“. Was wäre etwa, wenn jemand eine Fähigkeit hätte, mit der er andere Leute beeinflussen kann und wenn dieses Talent von anderen Leuten für ihre Zwecke missbraucht würde. Aufgrund dieser ersten Idee, kam ich dann zum Kochen und auf die erotische Küche. Wenn jemand seine Gäste erotisch beeinflussen kann, dann hat er ziemlich viel Macht über sie. Über die erotisierende Küche bin ich schließlich auf die ayurvedische Tradition gestoßen. In der ayurvedischen Medizin gibt es acht Sparten, und eine davon heißt Vajikaranam. Dabei geht es um Aphrodisiaka, also um alles, was mit Liebe zu tun hat. Die Hauptfigur stand schnell fest, es durfte kein Spitzenkoch sein. Ich stellte mir eher einen „Underdog“ vor. Da war ich rasch bei einem Küchengehilfen. Und wenn man in der Schweiz von Küchengehilfen spricht, ist man sehr schnell bei einem Menschen aus Sri Lanka. Ein tamilischer Koch und die ayurvedische Küche, dass passte sehr gut zusammen. Ich hatte nur noch ein Problem, die ayurvedische Küche hat zwar eine aphrodisische Wirkung, aber diese entfaltet sich erst, wenn man die Substanzen über einen langen Zeitraum einnimmt. Die Menüs, die Maravan kocht, sollten aber sofort, also noch am gleichen Abend, ihre Wirkung zeigen. So kam ich auf die Molekularküche. Ich dachte mir, die sofortige Wirkung wird plausibel, wenn die Gerichte mit den Methoden der Molekularküche zubereitet werden. Bei meinen Recherchen in den einschlägigen Kochbüchern bin ich natürlich sofort auf den Rotationsverdampfer als wichtiges Hilfsmittel gestossen. Da war mir klar, der Rotationsverdampfer musste unbedingt her, um diese wunderbaren Wirkungen zu erzeugen!


Der Rotationsverdampfer ist sozusagen der Stein des Anstosses für Maravans Entlassung aus dem Huwyler, einem Zürcher Sternelokal.

Das Wort „Rotationsverdampfer“ kommt in Ihrem Text – wenn wir recht gezählt haben – 19 Mal vor. Das findet natürlich der weltweit führende Hersteller von diesem Hightechlaborgerät, die Firma BUCHI, toll. Was fasziniert sie an den Anwendungsmöglichkeiten des Rotationsverdampfers?

Mich fasziniert die Möglichkeit mit einem Hightechverfahren Essenzen zu gewinnen. Auf unserem Land in Ibiza haben wir sehr viel Lavendel. Daraus versuche ich ätherische Öle oder Hydrolate zu gewinnen. In meinen Anfängen der Essenzgewinnung wusste ich nicht, dass es ein Gerät gibt, mit dem man das auf so moderne Art machen kann. Erst durch meine Recherchen zur Molekularküche bin ich darauf gestossen. Der Rotationsverdampfer spielt eine wichtige Rolle in meiner Geschichte. Maravan gewinnt mit Hilfe des Rotationsverdampfers die Essenz des Duftes seiner Jugend.

Bereits der Titel Ihres Buches Der Koch weckt starke Assoziationen zum berühmten Roman von Süskind Das Parfüm. Das Buch von Süskind basiert wesentlich auf Annahmen über den Geruchsinn und die emotionale Bedeutung von Düften, Gerüchen und deren Nachahmung in Form von Parfüm. Genau das versucht Maravan, wenn er nach dem „Duft seiner Jugend“ sucht. Gibt es da eine Verbindung?   

Das hat mich schon einmal jemand gefragt. Nein, also „Das Parfüm“ ist ein so erfolgreiches Buch, ich würde nie versuchen, Süskind nachzueifern. Wenn es mir beim Schreiben aufgefallen wäre, hätte ich es vermieden.


Aber man könnte doch sagen, dass die beiden Titelhelden – Baptiste Grenouille und Maravan – gewisse Parallelen aufweisen. Beide sind mit einem ausgeprägten Geruchsinn auf die Welt gekommen und während Maravan selbst nach einem harten Arbeitstag in der Küche peinlich darauf achtet, dass „er nach nichts riecht“ kommt Grenouille bereits ohne Eigengeruch zu Welt.

Ja das stimmt, und am Schluss versprüht dieser Jean-Baptiste Grenouille einen so guten Geruch, dass ihn alle lieben. Dennoch würde ich hier keine Parallele zu Maravan sehen. Denn bei ihm steht das soziale Motiv im Vordergrund – was man bei Grenouille sicher nicht sagen kann. Maravan möchte nicht nach Küche riechen, weil er die anderen Menschen nicht belästigen will. Darum duscht er sich nach der Arbeit bevor er im Tram nach Hause fährt. Ein zweites wichtiges Motiv besteht darin, dass Maravan sich auf nur einen einzigen Duft konzentrieren will. Daher mag er es nicht, wenn es in der Küche nach ganz verschiedenen Dingen riecht. Sogar im tiefsten Winter reisst er deswegen die Fenster seiner Wohnung auf, um sie „Geruchsfrei“ zu machen.


 

Für Maravan ist Kochen Chemie, weil es beim Kochen ebenso wie in der Chemie um den Übergang von einem Zustand in den anderen geht. Doch Maravan will diese Verwandlung auf die Spitze treiben. Mit dem Verfahren der Rotationsverdampfung versucht er sich an die Übergänge von einem zum anderen anzunähern. Was fasziniert Sie am Motiv der Verwandlung?

Maravan sagt einmal, dass schlussendlich alles Kochen Chemie und Physik ist. Kochen ist – unter anderem – auch die Veränderung des Aggregatzustandes von Lebensmitteln. Das ist es auch, was Maravan seit seiner Kindheit fasziniert. Genauer, seit er seiner Tante Nangay zugeschaut hat, wie sie aus Gewürzen Pulver machte, aus Getreide Mehl, aus Mehl Teig und aus Teig schliesslich Chapatis. Was mich an der Verwandlung fasziniert, ist die Frage der Identität. Daran habe ich beim Schreiben jedoch nicht gedacht. Ich glaube es geht eigentlich in allen meinen Büchern in irgendeiner Weise um die Frage was bin ich, was könnte ich noch sein. Das kann man natürlich auch auf Lebensmittel anwenden. Die Identität einer Zitrone kann sich auch ändern, das haben wir vorher im Labor gesehen. Die Verwandlungen bringen also neue Identitäten ins Spiel und vielleicht stösst man durch sie sogar auf die Essenz dieser Identitäten.


Wenn Sie auf der Suche nach der Essenz sind, könnte man vielleicht sagen, dass sie einen Endpunkt anstreben, an dem genau das ersichtlich wird, was ein Produkt oder Gegenstand oder auch eine Person – in unserem Fall die Zitrone – tatsächlich ausmacht.

Auf Personen würde ich dies nicht so direkt übertragen. Denn bei Personen denke ich, gibt es mehrere solche Identitäten. Hier interessiert mich daher nicht so sehr das Gewinnen einer Essenz, sondern viel mehr das Spiel mit den Identitäten. Bei unserer Zitrone denke ich aber, dass die Suche nach einer letzten Essenz schon sehr interessant ist und daher bin ich auch so fasziniert vom Rotationsverdampfer der Firma BUCHI. Mit diesem Gerät wird Zauberei möglich – auch wenn man kein grosser Zauberkünstler ist.


Ihre Romane enden gern im gemässigten Happy End. Am Schluss von „Der Koch“ trägt Maravan ein Tablett mit südindischen Pfannkuchen, Kokos-Chutney, Tee und Früchten ins Schlafzimmer, wo die richtige Frau auf ihn wartet.

Ja also ich würde sagen, dass ist doch kein gemässigtes Happy End, dass ist doch ein richtiges Happy End! (Lacht)

Aber obwohl die richtige Frau im Bett liegt, schreiben Sie, dass „über allem die Ungewissheit lastet, wie es weitergehen sollte.“ Sind sie ein Meister der mittleren Gefühlslagen?

Also ich weiss nicht, ich würde sagen nein. Das totalste Happy End, das ich geschrieben habe, war wohl bei „Small World“. In diesem Roman wird Konrad Lang am Schluss tatsächlich von seiner Alzheimerkrankheit geheilt. Dies ist bis heute leider nicht möglich. In der russischen Übersetzung haben sie mir das Happy End einfach weggelassen, mit der Begründung, es sei zu unliterarisch. (Lacht) Mir war es damals sehr wichtig, dass Konrad Lang am Schluss der Geschichte von seiner Krankheit geheilt ist, obwohl – oder vielleicht gerade weil – ich aus eigener Erfahrung sehr gut weiss, dass diese Krankheit nicht geheilt werden kann. Ich habe es nicht gern, wenn es am Schluss einer Geschichte noch grosse ungelöste Probleme gibt. Es ist mir wichtig, dass sich die Spannung harmonisch auflöst. Darum habe ich diesen versöhnlichen Schluss geschrieben.

In wie viele Sprachen ist der Koch übersetzt?

Veröffentlicht ist er bis jetzt erst auf Französisch. Das geht halt nicht so schnell. Meine Bücher, die bisher erschienen sind, sind in 26 oder 27 Sprachen übersetzt.    

Alle Ihre Bücher erschienen bisher in den Bestsellerlisten. Wie schreibt man einen Bestseller? Haben Sie ein Rezept?

Nein, das habe ich – wohl zum Glück – nicht. Ich glaube, man sollte gerade nicht versuchen einen Bestseller zu schreiben. Für mich ist es wichtig, dass ich bei jedem Buch versuche, etwas ganz anderes zu schreiben. Daher denke ich mir jedes Mal ein ganz neues Thema aus. Zudem experimentiere ich gerne mit neuen Erzählstrukturen.

In ihrem Buch Der Koch bringen sie eine neue Erzählstruktur ins Spiel, indem Sie die Alltagsaktualitäten in Ihre fiktive Story einbauen. Inwiefern hatte das aktuelle alltägliche Geschehen Einfluss auf den Erzählfluss Ihrer fiktiven Story?

Damit hatte ich eine ganz bestimmte Absicht. Ich wollte eine Art Zufallsgenerator einbauen. Für gewöhnlich arbeite ich so, dass ich die Geschichte, die ich schreiben möchte, ziemlich genau konstruiere, bevor ich mit dem Schreiben beginne. Die Aktualität, also das Unvorhersehbare, sollte mir in dieses Konzept spucken. Meine Figuren sollten auf Ereignisse reagieren, die während meinem Schreibprozess geschehen sind

Bevor wir unser Gespräch beenden, möchte ich Ihnen drei ganz kurze Fragen stellen.

Ja gerne.

Beatles oder Rolling Stones?

Tja, eigentlich war ich zu dieser Zeit Jazzfan ... na ja, Beatles – wie Sie wohl gedacht haben (lacht).

Geld oder Liebe?

Liebe (wie aus der Kanone geschossen)

Qualität oder Quantität?

Qualität.

Noch eine allerletzte Frage. Sie haben heute Morgen BUCHI auf ganz verschiedene Arten erlebt. Sie waren in der Glasproduktion, im Labor und Sie haben vor unserer Belegschaft aus Ihrem Buch gelesen. Was waren Ihre Eindrücke und was empfehlen Sie dieser Firma.

Ich habe BUCHI als eine Firma mit einer sehr hohen und gepflegten Unternehmenskultur erlebt. Das merkt man sofort, wenn man als Aussenstehender in einen Konzern kommt. In meinem „früheren“ Leben habe ich viele Firmen betreten, in denen das nicht so war. Es hat mir sehr gefallen bei Ihnen! Machen sie also weiter so, denn ich denke, Sie machen das sehr gut!

Herr Suter, besten Dank für dieses Gespräch.

Gern geschehen.

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letzte Änderung: 22.November 2010
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